Erzbistum Hamburg beschliesst endgültiges Aus für Krankenhaus Groß-Sand 1

Das katholische Erzbistum Hamburg beschließt das endgültige Aus für traditionsreiche Klinik in Hamburg Wilhelmsburg zum 30.Juni 2026

Nach dem Ende von Chirurgie und Notaufnahme bereits im letzten Jahr – Juli 2025 – war die Schließung der verbliebenen Abteilungen – Geriatrie und neurologische Frührehabilitation – nur eine Frage der Zeit. Dennoch ist das jetzt zum Ende Juni 2026 beschlossenne endgültige Aus für die traditionsreiche Klinik, für die 350 verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für ganz Wilhelmsburg ein Schock.

Die Abteilung für neurologische Frührehabilitation soll im Marienkrankenhaus fortgesetzt werden. Gleichwohl werden sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen. Ein Sozialplan steht noch nicht, soll aber verhandelt werden. 

Zur Begründung schreibt das Erzbistum Hamburg für den Träger: „Die Rahmenbedingungen im Zuge der Gesundheitsreform lassen eine tragfähige Fortführung des Krankenhausbetriebs nicht zu.“

Unklar bleibt die Zukunft des an das Krankenhaus angeschlossene „MVZ Groß-Sand“. Nach dem Wegfall der Trägerschaft durch das Krankenhaus darf man gespannt sein, wie das MVZ aufgefangen werden kann. 

Als Perspektive verweist das Erzbistum auf „die Bemühungen der Freien und Hansestadt Hamburg, in Wilhelmsburg eine Stadtteilklinik zu errichten„. Die Verhandlungen über den Verkauf der Liegenschaft Groß-Sand an die Freie und Hansestadt Hamburg seien noch nicht abgeschlossen. 

Erzbistum zerschlägt „Insel der Menschlichkeit“

Nicht nur auf der eigenen aktuellen Webseite sondern tief verankert in der Wilhelmsburger Bevölkerung wird das Krankenhaus Groß-Sand seit Jahrzehnten als „Insel der Menschlichkeit“ wahrgenommen. Ein sicherer, rund um die Uhr geöffneter Hafen, fußläufig jederzeit erreichbar, für kleine und große Beschwerden, Notfälle und Unfälle aller Art. Ein echtes Basiskrankenhaus mit ursprünglich leistungsfähiger Chirurgie, Intensivstation und Innerer Medizin.

Ende des 19 Jahrhunderts, als Betriebskrankenhaus eines der Wilhelmsburger Großbetriebe, der „Wollkämmerei“ in der Industriestraße gegründet, wurde das Haus nach der Zerstörung im Krieg 1950 in der Trägerschaft der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius am Standort Groß-Sand neu eröffnet. Das erste freigemeinnützige Krankenhaus in Hamburg. 

Trotz Neubau eines Geriatriezentrums 1995 und später einer weit über die Elbinsel hinaus bekannter Abteilung für neurologisch-neurochirurgische Frührehabilitation geriet das Haus finanziell unter Druck. Das Erzbistum Hamburg übernahm die Verwaltung.

Das zunehmend auf Gewinn orientierte Gesundheitssystem (Abrechnung über „Fallpauschalen“) treibt hunderte von kleinen Krankenhäusern bundesweit in den Ruin. Mit Schwerpunkt auf Grund- und Notfallversorgung alleine lassen sich keine Überschüsse erwirtschaften.

Schnell zeigte sich, dass auch das Erzbistum überfordert war. Statt einer Strategie des gezielten Ausbaus vorhandener Stärken wurde ein strikter Sparkurs gefahren, die erfolgreiche Pflegeschule geschlossen und die renommierte Hernienchirurgie zerschlagen. Verhandlungen mit dem Ziel von Kooperation oder Übenahme scheiterten. Die Kommunikation in die eigene Belegschaft und für die Öffentlichkeit waren ein Desaster. 

Ausgerechnet ein dem Gemeinwohl verpflichteter Träger mit christlichem Hintergrund und hohem sozialen Anspruch wird schließlich zum Totengräber einer Institution, die für die Elbinsel Wilhelmsburg und den gesamten Hamburger Süden über jahrzehnte eine zentrale Rolle in der Daseinsvorsorge hatte. 

In Trümmern liegen:

  • die 24/7 zugängliche allgemeine Notfallambulanz
  • die chirurgische Grundversorgung mit OP und stationären Betten
  • die Innere Medizin einschließlich Kardiologie und Gastroenterologie
  • die Intensivstation und Anästhesie
  • das Notfallröntgen, einschließich Computertomographie
  • die bundesweit bekannte Hernienchirurgie und die renommierte orthopädische Abteilung
  • das Modellprojekt StatAMed mit betreutem Stationär-ambulantem Übergang
  • die vor allem für alte Menschen aus Wilhelmsburg und Umgebung so segensreiche Geriatrie
  • die vor allem für Schlaganfall-Patienten überregional bedeutsame neurologische und neurochirurgische Frühreha-Abteilung
  • die über 200 Krankenhausbetten
  • der regional bestens vernetzte Sozialdienst des Hauses
  • die erfolgreiche Pflegeschule
  • die auch in der Nachbarschaft beliebte Cafeteria
  • der Verlust von zuletzt noch 350 Arbeitsplätzen
  • die Praxen für Allgemeinmedizin und Orthopädie im MVZ, dem jetzt die Verknüpfung mit der Klinik und dessen Trägerschaft fehlen

Trotz breiter Proteste: Gesundheitsbehörde verweigert aktives Eingreifen und hält 2. Notfallambulanz im Hamburger Süden für überflüssig

Seit 2020 gab es eine Reihe von Kundgebungen und Demonstrationen in Wilhelmsburg. Fast 10 000 Unterschriften wurden für den Erhalt des Krankenhauses gesammelt und ein aktives Eingreifen der zuständigen Behörde gefordert unter dem Motto: „Wenn das Bistum versagt ist die Behörde gefragt„.

Der zuständige Gesundheitsausschuss reagierte mit einer sog. „Selbstbefassung zum Thema Groß-Sand“ und die Behörde setzte eine „Lenkungsgruppe“ ein, die die strukturellen Veränderungen und die laufenden Verkaufsverhandlungen begleiten sollte. Die Lenkungsgruppe wird vom Staatsrat für Gesundheit geleitet und umfasst die Krankenhausgesellschaft, das Erzbistum, die Krankenkassen, den Bezirk HH-Mitte und die Kassenärztliche Vereinigung. 

Die verbreitete und populäre Idee einer städtischen Übernahme von Groß-Sand – z.B. in der Form der Beteiligung durch das UKE – wurde von der Senatorin mehrfach als nicht realistisch bzw. nicht wünschenswert abgelehnt.  Auch andere Interventionen im Sinne einer aktiven Steuerung zur nachhaltigen Sicherungstellung der stationären und Notfallversorgung  durch die Behörde gab es offenbar nicht. 

Nach der Schließung von Chirurgie und Notfallambulanz Mitte Juli 2025 erklärte die zuständige Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer die vorhandenen Notfallkapazitäten nördlich und südlich der Elbe auch ohne Groß-Sand als völlig ausreichend. Ersatz- oder Übergangslösungen seien nicht erforderlich, auch wenn es damit für 250 000 Menschen südlich der Elbe nur noch die eine Notfallambulanz in der Asklepios Klinik Harburg gibt. 

Die Senatorin kündigte an, die Liegenschaft Groß-Sand vom Erzbistum zu erwerben und bis Ende 2025 ein Konzept für eine „Stadtteilklinik Wilhelmsburg“ zu erarbeiten. Jetzt – Ende März 2026 – sind die Verkaufsverhandlungen allerdings noch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Ein Konzept für die Stadtteilklinik ist noch nicht in Arbeit. Bekannt ist lediglich, dass es eine Reihe von integrierten medizinischen Angeboten unter einem Dach geben soll, aber definitiv kein Krankenhaus mit Rund-um-die Uhr Notfallversorgung, Chirurgie und Intensivstation. 

Wann gibt es endlich wieder eine chirurgische Praxis in Wilhelmsburg?

Ob Dr. Müller oder Dr. Dehoust – über Jahrzehnte war ein niedergelassener Chirurg eine feste Größe in Wilhelmsburg. Zumindest tagsüber eine zuverlässige Anlaufstelle für Unfälle und auch ambulantes Operieren. Der Arztsitz von Dr. Dehoust ist über dessen Nachfolger auf wundersame Weise beim Miamedes Konzern nördlich der Elbe gelandet. Ein Muster, das wir lange kennen: Arztsitze werden in lukrativere Stadtteile mit mehr Privatpatienten verlagert.

Ein Mißstand, den auch die Senatorin beklagt. Nach dem Wegfall der Chirurgie in Groß-Sand hatte auch die Kassenärztliche Vereinigung schnelle Abhilfe signalisiert. Wie lange soll Wilhelmsburg eigentlich noch auf die durchaus mögliche Sonderbedarfszulassung für einen niedergelassenen Chirurgen warten?

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung sowie gleiche und gerechte Lebensverhältnisse in allen Stadtteilen ist gesetzliche Verpflichtung: im stationären Bereich durch die Behörde, im ambulanten Bereich durch die Kassenärztliche Vereinigung. 

Wie will Hamburg weit ambitioniertere Projekte realisieren, wenn sie schon mit der medizischen Basisversorgung in einem Stadtteil wie Wilhelmsburg offenbar überfordert ist?

Unter dem Motto: „Tränen und Dank für Groß-Sand“ soll Abschied von der „Insel der Menschlichkeit“ genommen werden – mit einem „Leichenschmaus für´s Krankenhaus“ am 10. April 2026

1 Antwort zu “Erzbistum Hamburg beschliesst endgültiges Aus für Krankenhaus Groß-Sand

  1. Antworten Claudia Roszak Mrz 22, 2026 22:06

    Sehr guter Artikel!

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