Hohe Schaar – vom Erdölgebiet zum lebendigen Quartier an der Süderelbe

***von Michael Rothschuh***

Es gibt Gebiete in Hamburg, die kaum jemand kennt und kaum jemand schätzt. Weithin abgesperrt und unzugänglich, unwirtlich und anscheinend uninteressant. So erging es früher dem Großen Grasbrook, den man vielleicht gerade mal zum Denkmal an Klaus Störtebekers Hinrichtung besuchte. Nachdem Bürgermeister Henning Voscherau um 1990 das teilweise brachliegende Areal als Raum für die Stadt entdeckt und politisch durchgesetzt hat, hat sich das geändert. Heute strömen Besucher aus Hamburg und der ganzen Welt in die Hafencity an der Norderelbe.

Die Insel Hohe Schaar liegt zwischen Rethe, Reiherstieg und Süderelbe, gegenüber von Moorburg, und gehört zu Wilhelmsburg. Grafik: (cc) Michael Rothschuh, basierend auf Daten von OpenStreetMap, veröffentlicht unter ODbL.

Ähnlich wie früher beim Großen Grasbrook geht es uns heute bei der Hohen Schaar, der Insel, die scheinbar etwas verloren zwischen Wilhelmsburg und Moorburg liegt, tatsächlich aber seit ca. 100 Jahren zu Wilhelmsburg gehört. Überall Erdöltanks, Zäune, kaum Bäume, an das Wasser der Süderelbe kommt man nicht heran. Was macht es da schon den Menschen aus, wenn dort künftig eine Autobahn als hochgestellte Betonschlange gebaut wird, dürften sich die Planer der A26-Ost gedacht haben.

Hamburg braucht Wohnungsbau, für den keine Flächen der Natur geopfert werden, die Menschen brauchen Wohnquartiere, die einen guten S-Bahn-Anschluss haben. Und die Tideelbe braucht eine Verbesserung ihres ökologischen Zustandes mit renaturierte Uferzonen.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die Hohe Schaar zwischen der Bahnstrecke und der Süderelbe als künftigen lebendigen Stadtteil zu entdecken.

Die Hohe Schaar 2020: Erdölgebiet im Hamburger Hafen. Abb.: (cc) Michael Rothschuh, basierend auf Daten von Verkehrsportal Hamburg, https://geoportal-hamburg.de/verkehrsportal/.

Die Shell AG, die das Gelände südlich der Bahn mit Erdöllagerung und –produktion geprägt hat, wird das Gebiet an Hamburg verkaufen und bald verlassen1. Die schwedische Firma Nynas, die vor einigen Jahren große Teile vor allem für Bitumenproduktion übernommen hat, ist enttäuscht über die unzureichende Profitabilität ihres Werkes und sucht nach Lösungen2. Gut möglich, dass eine Konzentration der Flächen auf den Harburger Werksteil auch in ihrem Interesse liegt.

Hier auf der Hohen Schaar kann das 3km lange Ufer der Süderelbe renaturiert werden.

Das wäre ein Beitrag, „den ökologischen Zustand der Tideelbe zu verbessern, die natürliche Vielfalt zu bewahren und die einzigartigen Lebensräume der Flusslandschaft zu stärken“, wie es die Stiftung Lebensraum Elbe ausdrückt.3 Dies kann sich auch für Hamburg lohnen, weil so wertvoll Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen an anderen Orten geschaffen werden.

Hier können Wohnungen entstehen, deren Bau der Natur keinen Raum weg nimmt.

Dies erscheint zunächst als unerreichbare Vision, so wie vor 30 Jahren eine HafenCity an der Norderelbe als unrealistisch erschien. Es ist aber keine Vision für eine hochpreisige Erweiterung der City, sondern für einen Stadtteil an der Elbe für Menschen, die bezahlbar, autoarm und naturnah wohnen und zugleich die Stadt schnell erreichen wollen.

Die Hohe Schaar 2040? Tide-Elbe-Ufer, Wilhelmsburger Stadtteil, S-Bahn … Fotomontage: (cc) Michael Rothschuh, basierend auf Daten von Verkehrsportal Hamburg, https://geoportal-hamburg.de/verkehrsportal/.

Hier kann schon schnell eine S-Bahn S33 entstehen.

Denn der Clou ist: Die Bahntrasse ist schon da. Mit der neuen Bahnbrücke Kattwyk entsteht gerade eine zweite Süderelbebrücke, zweigleisig, elektrifiziert und direkt an die Bahnstrecken Harburg-Stade und Harburg-Wilhelmsburg angeschlossen.

Die S33 dient möglichst ab 2022 als Bypass ohne Halt zwischen Neugraben und Hauptbahnhof über die Kattwykbrücke für die überlastete S3/31, und dann als Erschließung für Wohngebiete im Süden Wilhelmsburgs, in Moorburg und ganz besonders auf der Hohen Schaar.


1. Hamburger Abendblatt, 8.4.2020: „„Shell wird das Tanklager schließen, rückbauen und an die HPA für die künftige Nutzung als Industriefläche übergeben“.

2. Nynas, 18.12.2019, To the creditors of Nynas AB (publ) https://www.nynas.com/globalassets/letter-to-creditors–nynas-ab.pdf: Nynas has since then concluded that the refinery is not yet as profitable as was first envisioned at the time of the acquisition….It will also be investigated how the profitability of the refinery in Harburg can be improved.

3. https://www.stiftung-lebensraum-elbe.de

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