Trauer um endgültiges AUS für das Wilhelmsburger Krankenhaus zum 30.6.2026

Endgültiges Aus für das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand zum 30.6.2026

Nach 125 Jahren ist jetzt endgültig Schluss mit einer eigenständigen Krankenhausversorgung auf der Elbinsel Wilhelmsburg.
Vor einem Jahr wurden bereits die Notaufnahme und die Chirurgie geschlossen. Zum 30.6.2026 stirbt jetzt auch der Rest.

Am 29. Juni wird es eine interne Abschiedsveranstaltung geben. Tränen werden fließen. Aber auch für ganz Wilhelmsburg und den gesamten Hamburger Süden ist dies ein Tag der Trauer.

Aber auch ein Tag der Dankbarkeit. Dank an St. Bonifatius, die katholische Kirchengemeinde in Wilhelmsburg, für die Trägerschaft in all den Jahren!

Dank vor allem auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses, die Groß-Sand erst zu diesem besonderen Ort gemacht hatten, einem Basiskrankenhaus mit breiter medizinischer Expertise und großer Empathie für alle Bevölkerungsschichten in unseren von zahlreichen sozialen Problemen geprägten Stadtteilen.

Die „Insel der Menschlichkeit“ liegt jetzt in Trümmern

125 Jahre lang war Groß-Sand ein zuverlässiger Anker für Zehntausende auf den Elbinseln, im Hafen und weit darüber hinaus.

Schnell zeigte sich, dass auch das Erzbistum Hamburg – zuletzt für die Verwaltung des Hauses zuständig – überfordert war.
Statt einer Strategie des gezielten Ausbaus vorhandener Stärken wurde ein strikter Sparkurs gefahren, die erfolgreiche Pflegeschule geschlossen und die renommierte Hernienchirurgie zerschlagen.
Verhandlungen mit dem Ziel von Kooperation oder Übernahme scheiterten.

Ausgerechnet das Erzbistum Hamburg wurde somit schließlich zum Totengräber des Hauses.

In Trümmern liegen:

  • die 24/7 zugängliche allgemeine Notfallambulanz
  • die chirurgische Grundversorgung mit OP und stationären Betten
  • die Innere Medizin einschließlich Kardiologie und Gastroenterologie
  • die Intensivstation und Anästhesie
  • das Notfallröntgen, einschließlich Computertomographie
  • die bundesweit bekannte Hernienchirurgie und die renommierte orthopädische Abteilung
  • das Modellprojekt StatAMed mit besonderer Betreuung beim stationär-ambulanten Übergang
  • die vor allem für alte Menschen aus Wilhelmsburg und Umgebung so segensreiche Geriatrie
  • die vor allem für Schlaganfall-Patienten überregional bedeutsame neurologische und neurochirurgische Frühreha-Abteilung
  • die über 200 Krankenhausbetten
  • der regional bestens vernetzte Sozialdienst des Hauses
  • die erfolgreiche Pflegeschule, in der hunderte engagierter Pflegekräfte ausgebildet wurden
  • der Verlust von zuletzt noch 350 Arbeitsplätzen – Groß-Sand gehörte zu den wichtigsten Arbeitgebern im Hamburger Süden.
  • die Aus- und Weiterbildung einer großen Zahl von Nachwuchsmedizinern, die sich später in ganz Hamburg vor allem als Hausärzte und Allgemeinmediziner niedergelassen haben
  • die viele Jahre betriebene Hafenarztpraxis, die sich auf die Versorgung von Hafenarbeitern und Seeleuten aus aller Welt spezialisiert hatte.

Warum hat die Stadt nicht übernommen?

Über Jahre hat es eine breite Protestbewegung gegeben, im Haus selbst und in den betroffenen Stadtteilen, die sich dem drohenden Ende von Groß-Sand entgegenstemmte.
Dass das Erzbistum überfordert war und vermutlich auch die Verkaufsverhandlungen gegen die Wand fahren würde, war bald nicht mehr zu übersehen.
So wurde der Ruf nach einem aktiven Eingreifen von Politik und Verwaltung immer lauter.
Schließlich ist die Stadt und ihre Gesundheitsbehörde für die Sicherstellung der stationären Versorgung in allen Hamburger Stadtteilen verantwortlich.

Leider wurde schnell klar, dass die Gesundheitsbehörde kein Interesse an einer aktiven Steuerung der Verkaufsverhandlungen hatte und schon gar nicht an einer städtischen Trägerschaft.
Auch, wenn es jetzt im gesamten Hamburger Süden nur noch eine einzige Notaufnahme gibt, kann die zuständige Senatorin keinerlei Unterversorgung erkennen.

Lange wurde die Idee einer Kooperation mit dem UKE diskutiert und schließlich vom Senat kategorisch ausgeschlossen: Zu teuer, rechnet sich nicht.

Bei den kürzlich vorgestellten Plänen einer Kooperation des UKE mit dem BG Klinikum Boberg spielt Geld offenbar keine Rolle.
Ein Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden durch die BG und weitere 2 Milliarden im UKE selbst durch die Stadt lassen die Herzen höher schlagen.
Die Diskrepanz zwischen profitabler Spitzenmedizin und defizitärer Notfallversorgung in der Basismedizin springt ins Auge.

Wo bleibt die von der Senatorin versprochene „Stadtteilklinik“ ?

Vor einem Jahr wurde Senatorin Schlotzhauer nicht müde, eine „modellhafte Stadtteilklinik Wilhelmsburg“ als Ersatz für Groß-Sand in Aussicht zu stellen. Noch in 2025 kündigte sie dafür ein Konzept an.

Mittlerweile – ein Jahr später – gibt es dazu: NICHTS!
Der geplante Zugriff der Stadt auf Grundstück und Gebäude von Groß-Sand scheint gescheitert. Alternativen liegen bisher nicht vor. Von einem Konzept keine Spur.

Menetekel Olympia-Abstimmung

Große Teile der Politik waren über das erneute Hamburger Ergebnis zu Olympia überrascht.
Dabei lesen sich die lokalen Ergebnisse wie die Kopie des Hamburger Sozialatlas.
In Wilhelmsburg stimmten 66%, auf der Veddel gar 77% gegen die Olympia-Pläne des Hamburger Senats.

Ein häufig gehörtes Argument dabei war:

Wie will Hamburg weit ambitioniertere Projekte, wie Olympia, realisieren, wenn man schon mit der medizinischen Basisversorgung in einem Stadtteil wie Wilhelmsburg offenbar überfordert ist?

Wie naiv muss Politik sein, wenn sie glaubt, dass die weitere soziale Spaltung in dieser Stadt ohne Konsequenzen bleibt?

Wie kann das Vertrauen in eine funktionierende Demokratie gestärkt werden, wenn lokale Proteste immer weniger Gehör finden?

Wenn es für die 60 000 Bewohner der Elbinseln keine demokratisch legitimierte Stimme gibt, die die Bevölkerung bei ihrer Forderung nach einer ausreichenden medizinischen Notfall- und stationären Basisversorgung unterstützt? Nicht der Regionalbeauftragte, nicht die Bezirksversammlung, nicht die örtlichen Bürgerschaftsabgeordneten der Regierungskoalition oder die zuständigen Bundestagsabgeordneten.

Die Erfahrungen mangelnder Wirksamkeit bürgerschaftlichen Engagements und fehlender Repräsentanz führen zu einem Gefühl politischer Ohnmacht und Resignation.

Trotz aller Niederlagen: was bleibt, ist die Hoffnung auf erneute breite und wieder erfolgreiche Selbstorganisation der Menschen vor Ort.


Die vollständige Stellungnahme als pdf:
Krankenhaus Groß-Sand – Endgültiges AUS zum 30.6.2026

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